„Österreichische Politik und Ethikunterricht“
Bericht über Reaktionen der Bundespolitiker auf die Initiative der Einführung des Ethikunterrichts
(seit 2002)

Am 4. Jänner 2002 sandte ich einen fünfseitigen Brief an die Parteiobleute der Parlamentsparteien ÖVP, SPÖ, FPÖ und GRÜNE.
Sein Inhalt:
Aus Anlass der Ereignisse vom 11. September 2001 in New York wurden die Politiker auf die Dringlichkeit der „Einführung des Ethikunterrichts an den österreichischen Schulen“ hingewiesen. Sie ist „ein eminent wichtiger und notwendiger Schritt für eine moderne, humane, friedliche und zukunftsgerichtete Gesellschaft.“ Die Politiker wurden eingehend über die Ziele und Inhalte des Fachs Ethik im Schulversuch informiert.

Was waren die Reaktionen?

Die FPÖ

Am 18. Februar 2002 erhielt ich aus dem Büro der Vizekanzlerin Dr. Riess-Passer ein Schreiben, dass sie den Brief „mit großem Interesse gelesen“ und Mag. Roland Weinert (Referent für Wirtschaft, Umwelt, Soziales) gebeten habe mir zu antworten. Dieser schrieb, dass ein solcher Unterricht „zwar durchaus eine Existenzberechtigung“ habe, aber seine Inhalte sich „in jedem vernünftigen Religionsunterricht sowieso wieder finden“ würde. Die FPÖ bekenne sich in ihrem Parteiprogramm zum „christlichen Wertekonsens“. So würde es im Religionsunterricht ohnehin „Informationen über die '‚Konkurrenz’„ geben.
Dem Bildungssprecher Herrn Mag. Rüdiger Schender wurde mein Brief weitergeleitet. Aber ich erhielt damals keine Antwort.

Die GRÜNEN

Hier kam es zu einem Briefwechsel zwischen Herrn Abgeordneten Dieter Brosz und mir:
Erster Brief von Herrn Brosz am 12. Februar 2002: „Die Sinnhaftigkeit der Erörterung ethischer Fragen in den Schulen steht für mich außer Zweifel“ heißt es dort. In der „Schule der Zukunft“ würde „selbständiges, vernetztes Lernen in den Vordergrund“ gestellt werden. Und es kam die Feststellung: „Gerade ethische Fragen sollten auf Dauer gesehen … nicht in einem neuen, eigenen und abgegrenzten Unterrichtsgegenstand abgehandelt werden.“
Zweiter Brief von Herrn Brosz am 25. März 2002: Hier stellt er seine politische Position noch deutlicher heraus Er schrieb, dass „ethische Unterrichtsinhalte…in verschiedenen Gegenständen und … Fächer übergreifend Platz finden sollten.“ Er „halte das abgegrenzte, Fächer orientierte Unterrichten für eines der zentralen Probleme des österreichischen Schulsystems.“ Außerdem wäre die Anzahl der Unterrichtsstunden im Vergleich mit anderen europäischen Ländern schon sehr hoch und man müsse bei der Einführung des Ethikunterrichts in anderen Bereichen einsparen.

Die SPÖ
Am 10. April 2002 erhielt ich zuhause einen Anruf vom Abgeordneten Kurt Schober. Er war sehr interessiert am Modell in meinem Schreiben und die Position seiner Partei sei ein Ja zum Ethikunterricht. Die große Frage sei das Wie (Gestaltung, Umsetzung der Ziele,…). Informationen für die Schüler über Religionen seien wichtig. Wenn die ÖVP den Ethikunterricht verpflichtend für jene Schüler, die nicht in den Religionsunterricht gehen, einführen wolle, so habe sich die SPÖ in dieser Frage noch nicht festgelegt und wolle abwarten, wie die neue Schulnovelle von der Frau Ministerin Gehrer aussehe.
Im Gespräch betonte Herr Schober, dass die Ausbildung der EthiklehrerInnen wichtig sei. Der Ethikunterricht könne eine Hilfe für Biologie, Umweltkunde, u.a. sein.

Die ÖVP

Am 15. April 2003 erhielt ich aus dem Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur von Herrn Mag. Götz ein Schreiben, wo er für die Frau Ministerin Dr. Elisabeth Gehrer Auskunft gibt:

„Der Schulversuch Ethik als Pflichtgegenstand auf der Sekundarstufe II für Schülerinnen und Schüler, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen, kann im kommenden Schuljahr 2003/2004 fortgesetzt werden. Für den weiteren Zeitraum steht noch nicht fest, ob und in welcher Form eine Übernahme ins Regelschulwesen erfolgt. Die generelle Einführung eines neuen Pflichtgegenstandes für bestimmte Schüler bedürfte bei der Beschlussfassung über die erforderliche Änderung des Schulorganisationsgesetzes der 2/3-Mehrheit im Nationalrat. Es wäre auch gegebenenfalls eine schulautonome Lösung denkbar. Dafür wäre so wie bisher ein einheitlicher Lehrplan nicht erforderlich.“


Nach der ÖVP-FPÖ Regierungsbildung im Frühjahr 2003 stand in deren „Regierungsprogramm 2003-2006nichts über das Thema Ethikunterricht und seine Einführung ins reguläre Schulwesen, obwohl schon 1999/2000 eine positive Evaluierung des Schulversuchs Ethikunterricht durch Unv.-Prof. Dr. Anton Bucher erfolgt war.

Am 19. Februar 2004 sandte ich ein ausführliches E-Mail an damalige Bildungsministerin Frau Dr. Elisabeth Gehrer und fragte nach „Konzepten“.

Am März 2004 schrieb ich ein längeres E-Mail auch an den Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel, wo ich Ihn um Informationen, Konzepte und einen Ansprechpartner bat.

Die SPÖ-ÖVP Regierung unter Bundeskanzler Dr. Alfred Gusenbauer und Vizekanzler Mag. Willhelm Molterer mit der neuen SPÖ-Bildungsministerin Frau Dr. Claudia Schmid hat anfangs auch keine Anzeichen erkennen lassen, dass sie den Ethikunterricht an allen Schulen verpflichtend einführen will.

Als leuchtendes Beispiel unter den Politiker gibt es einen, der sich schon länger klar und eindeutig für die Einführung des Ethikunterrichts einsetzen. Es ist der derzeitige oberösterreichische Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer, der in seinem Bundesland für alle SchülerInnen den Ethikunterricht fordert, die sich vom konfessionellen Religionsunterricht abmelden. Gerade von den Schulen werde immer wieder erwartet, dass sie neben der kognitiven Bildung auch Werte und all das vermittelt, was sich unter dem Sammelbegriff "Herzensbildung" zusammenfassen lässt. (Lesen Sie mehr ...)

Aus dem Bundesministerium erhielt ich am 16. Oktober 2007 vom dortigen Sektionsleiters SC Mag. Wolfgang Stelzmüller im Auftrag der Frau Bundesminister Dr. Schmied folgendes Schreiben.
Hier ein kurzer Auszug:
... Die Konzeption des Ethikunterrichtes als Schulversuch hat sich trotz anfänglicher kritischer Stimmen als durchaus positives Instrument der Wertevermittlung an Schüler und Schülerinnen im Oberstufenbereich erwiesen. So wird dieser Schulversuch an derzeit über 130 Schulstandorten erfolgreich durchgeführt, neue Standorte schließen sich diesem Vorhaben laufend an. Dass hierfür die breite Zustimmung der Betroffenen am konkreten Schulversuchsstandort eingeholt wird, ist - wie bei sämtlichen Schulversuchen - hier besonders wertvoll und wichtig. Die Erfahrungsberichte über den Ethikunterricht sind ... durchwegs positiv. Es ist daher ein Anliegen der Frau Bundesministerin, diese Schulversuche weiterhin durchzuführen.
An eine Umsetzungs im Regelschulwesen wird derzeit jedoch nicht gedacht, da es ... als besonders wichtig erachtet wird, dass diese Art des durch den Schulversuch verpflichtenden Unterrichtes von hoher Identifikation am Schulstandort getragen wird. Ein verpflichtender Besuch des Ethikunterrichtes für alle Oberstufenschüler und -schülerinnen bundesweit ist daher derzeit nicht angedacht....

Die ÖVP-Oberösterreich setzt sich weiterhin gemeinsam mit ihrem Grünen Koalitionspartner für die Einführung des Ethikunterrichts in ihrem Bundesland ein.

Ab dem Herbst 2007 und dem Frühjahr 2008 kommt etwas Wind in die Diskussion um die Einführung des Ethikunterrichts:

Im November 2007 beschloss der Parteivorstand der ÖVP einen verpflichtenden Ethikunterricht für jene Schülerinnen und Schüler einzuführen, die ohne Bekenntnis sind, oder sich vom Religionsunterricht abgemeldet haben.
Auf diese Weise sollen neben dem Religionsunterricht Werte vermittelt werden. Die Ausbildung der Ethiklehrerinnen und -lehrer solle über die Pädagogischen Hochschulen erfolgen.

Der Vizekanzler und Parteichef Wilhelm Molterer forderte die Bildungsministerin Claudia Schmied auf,
ein Konzept für den Ethikunterricht vorzulegen. Im Bildungsministerium verwies man zu der
ÖVP-Forderungen aber nur auf bereits laufende Schulversuche. Diese würden überprüft werden – erst danach will man über die Einführung eines bundesweiten Ethikunterrichts entscheiden.

Die ÖVP präsentierte am 8.April 2008 den Text einer Gesetzesnovelle über die Einführung eines verpflichtend Ethik-Unterricht, wenn Schüler nicht an dem Unterrichtsfach „Religion“ teilnehmen. Bildungsministerin Schmied reagierte auf dieses Thema mit der Anmerkung:
Es „steht im Augenblick nicht auf meiner Agenda“.

Am 7. Mai 2008 machte das Bundesmnisteriums f. Wissenschaft u. Forschung unter Bundesminister
Dr. Johannes Hahn (ÖVP) auf seiner Website folgende Mitteilung:

"Bundesminister Dr. Hahn: Ethikunterricht ist auf Schiene.
Bundesministerin Schmied ist gefordert, in den nächsten Wochen Zeitplan für die Umsetzung des Ethikunterrichts vorzulegen.
Im Zuge der heutigen Beschlussfassung über die Novellierung des Schul-Organisationsgesetzes, einigten sich die Koalitionspartner darauf, die Einführung des Ethikunterrichts engagiert voranzutreiben. Bundesministerin Claudia Schmied wird bis Juni einen Zeit- und Umsetzungsplan zur Einführung des Ethikunterrichts vorlegen. „Der Ethikunterricht ist ein wesentlicher Bestandteil der Weiterentwicklung unseres Schulsystems und ist im Interesse der Schülerinnen und Schüler sowie der Gesellschaft, betonte Wissenschaftsminister Johannes Hahn nach dem Ministerrat.
Die Weiterentwicklung des österreichischen Bildungswesens ist für Hahn nicht nur eine Frage der Schulorganisation, sondern vor allem auch der Modernisierung des Fächerkanons. „Ich freue mich, dass mit dem heutigen Beschluss das Fach ‚Geschichte und politische Bildung’ hinkünftig auch schon in der 8. Schulstufe angeboten wird, nun geht es darum, mit dem Ethikunterricht auch das ethische Verständnis unserer Schülerinnen und Schüler zu trainieren und zu fördern. Im Europäischen Jahr des interkulturellen Dialogs ist das mehr als eine Pflichtübung, so Hahn. „Die ständige Konzentration auf Schulorganisationsfragen verstellt den Blick auf die wirklich wichtigen Fragen der Entwicklung unseres Schulsystems, wie jene nach der Weitentwicklung des schulischen Curriculums. Hier sind wir gefordert, neue Ideen zu entwickeln, so Hahn abschließend."

Am 20. Juni 2008 forderte die SPÖ durch ihren Bildungssprecher Erwin Niederwieser den Ethikunterricht für alle Schülerinnen und Schüler, wobei der Religionsunterricht gekürzt werden sollte.
Die SPÖ möchte für den Ethikunterricht ein eigenes Lehramtsstudium, das ähnlich der Philosophie in geringerem Umfang konzipiert sein. Ein bloßer Zusatzkurs (Ethiklehrgang) sei für die SPÖ zu wenig. Die Frage ist jedoch offen, in welchen Klassen „Ethik für alle“ angeboten werden soll. „In der Oberstufe kann man interessant diskutieren“, sagt Niederwieser, „aber die Jugend wird in einem früheren Alter hinsichtlich der allgemeinen Werte geprägt.“ Also sollte es nach dem Presse-Interview mit dem SPÖ-Bildungssprecher Niederwieser Ethik ab der Hauptschule bzw. AHS-Unterstufe geben.

Die christlichen Kirche reagierten negativ auf die Forderung nach Kürzung des Religionsunterricht.
Nach einem Treffen zwischen
SPÖ-Bildungssprecher Niederwieser und ÖVP-Bildungssprecher Fritz Neugebauer wurde für den Herbst 2008 eine parlamentarische Enquete zu diesem Thema vereinbart, zu der auch in- und ausländische Experten eingeladen werden sollen. Auf Grund der Neuwahlen kam es nicht zu diesem Treffen.

Jetzt nach den Wahlen am 28. September 2008 und der Bildung der neuen Koalitionsregierung SPÖ-ÖVP im November 2008 steht im Regierungsprogramm folgender Wortlaut:

"Das Schulversuchswesen soll bereinigt werden. Dabei soll die Übernahme in das Regelschulwesen, etwa auch im Rahmen schulautonomer Schwerpunktsetzungen, überprüft werden.

Die Details der Einführung eines Gegenstandes Ethikunterricht in der Sekundarstufe II, insbesondere die Frage nach dem Verhältnis zum Religionsunterricht, sind in einer parlamentarischen Enquete unter Einbeziehung der Kirchen und Religionsgemeinschaften zu prüfen."

Nach vielen Jahren des Wartens hat im Mai 2011 die parlamentarische Enquete mit Vertretern von Fachleuten, von den Religionsgemeinschaften, von weltanschaulichen Gruppen, von Regierungsvertretern und Sprechern der politischen Parteien stattgefunden.

Am 29. September 2013 wird nun der österreichische Nationalrat und das Parlament neu gewählt. Wird die neue Bundesregierung endlich diesen schon solange in der Schulpraxis erprobten Schulversuch Ethikunterricht in der Oberstufe AHS und BHS
(Sekundarstufe II) ins allgemeine österreichische Regelschulwesen gesetzlich verankern und einführen? Wird es dann auch noch weitere Schulversuche des Fachs Ethiks in der Sekundarstufe I (AHS-Unterstufe, Hauptschule,...) und in der Primärstufe (Volkschule) geben?

Es wäre wohl an der Zeit, wenn wir in alle anderen Länder Europas blicken! In Deutschland gibt es den Ethikunterricht seit den 1970-Jahren als alternatives Fach zum Religionsunterricht!
Alle wahlwerbenden Parteien sollten bei ihren Wahlkampf-Touren Eltern befragen, was diese davon halten, dass es den Ethikunterricht seit 1997 gibt und er seither nicht allgemein in den Schulen eingeführt ist!? Glauben sie nicht, dass die Eltern endlich eine ethisch-moralische Erziehung für alle Schulkinder haben wollen!?

Wann wird der Ethikunterricht endlich ins reguläre österreichische Schulwesen eingeführt?
Zur Erinnerung: Die "Evaluierung des Ethikunterrichts in Österreich" mit positivem Ergebnis wurde von
Uni.-Prof. Dr. Anton Bucher (Universität Salzburg) im Schuljahr 1999/2000 durchgeführt und dem Bildungsministerium übergeben!

Wir haben seit 2016 eine neue Bildungsministerin Dr. Sonja Hammerschmid. Kommt jetzt der Ethikunterricht in Österreich?
"The answer my friend..."!?

Prof. Mag. Johannes Dietl-Zeiner, Ethiklehrer
3. Februar 2017

 

zurück zur Haupseite