Wilde Eiche (2003)

 

nicht dass ich dich sogenannte Realität
wie du dich mir darbietest
nicht ertragen könnte

steige ich dennoch gerne in den Bereich meiner persönlichen Freiheit hinein

nachdem ich die Kerzen entzündet
mein Haar geschmückt und in Wellen gelegt

der Raum mit Andacht sich mir öffnet

Sammelplatz dort wo die gelben Wasserlilien wachsen
die du nicht nach Hause nehmen kannst

im Inneren der gottgefälligen Eiche
die inmitten einer Wiese voll nachtschattiger Pflanzen seit Jahrhunderten am Seeufer lebt

sitzen wir gemütlich beisammen
die weise Hexe der Indianer und ich

es ist licht und es fällt mir leicht in diesem Kreise

dankbar und froh endlich meiner Aufgabe bewusst zu werden
trommle ich den Rhythmus
der sich ergibt
und lausche auf Zeichen meiner Begleiter

dann singen wir in einer alten melodischen Sprache
erzählen die Weisheit von Völkern und Rassen
ein Gebet ist das Lied zur Ehre des Höchsten

wir sind uns unserer Kraft im Klaren
und Mutter Eiche hat uns sicher verankert
im Bereich dessen
was möglich und sinnvoll für uns ist

die Eiche ist uns auch Vater
er schenkt uns
den nötigen Platz zum Ruhen
in einer kreativen Traumdimension

er weist mich an nicht aufzugeben

was soll ich tun
wenn ich merke
dass ich träume

nur du kannst Antworten für dich finden
sagt mir Vater Eiche
und bläst mir sanft lachend seine Blätter ins Gesicht

die Blätter kühlen und heilen
stimmen mich meditativ

ich gehe an einem Regentag mit meinen Kindern spazieren
sie laufen und lärmen und lecken die Tropfen

Nebel hängt an Wald und Feld
schwangere Wolken existieren grau im Grau

Stiefel Jacken und Schirm sind bunt
wie der Fasching in Südamerika

so lässt sichs leben
denke ich lächelnd

und erwache gestärkt an unserem Treffpunkt

gemütlich sitzen wir beisammen
die weise Hexe der Indianer und ich

© Silvia Dietl-Zeiner