Johannes Dietl-Zeiner

Das kastrierte Evangelium

Die falschen Übersetzungen
und die Wiederentdeckung
der Frohbotschaft Jesu.


Eine neue Sichtweise der Lehre der Urkirche


Zweite, aktualisierten und
erweiterte Auflage


Köstendorf

2014


Inhaltverzeichnis

Vorwort


Inhaltsverzeichnis

Vorwort - zur Zweiten Auflage 8
Einführung 18

ERSTER TEIL 29

Die große Odyssee der christlichen Botschaft 29

A) Die historischen Ursachen der Übersetzungsfehler im Neuen Testament 29

1. Die geistigen Urväter der falschen Übersetzungen im Neuen Testament 30

2. Der Kanonisierungsprozeß und sein Einfluss auf die falschen Übersetzungen der neutestamentlichen Schriften 90

3. Hieronymus und seine Übersetzungsfehler in der Vulgata 96

4. Konstantin-Kyrill und Method und ihre Bibelübersetzung in die slawische Kirchensprache 137

5. Die bedeutendsten Bibelübersetzungen in der Zeit der Reformation 148

6. Die Bibelübersetzungen im Auftrag des II. Vatikanischen Konzils 180

B) Die exegetischen und philologischen Ursachen der Übersetzungsfehler im Neuen Testament 202

1. Die Arbeit an der Bibelübersetzung und die wichtigsten Grundregeln für das Neue Testament 204

2. Die exegetisch-historischen Ursachen für die Fehlerhaftigkeiten in den Bibelübersetzungen und die Folgen für das Christentum 208

3. Die philologisch-grammatikalischen Ursachen für die Fehlerhaftigkeiten in den Bibelübersetzungen (besonders im Neuen Testament) und die Folgen für das Christentum 229

4. Interpretation und Übersetzung (Translation) der griechischen Textvorlage der neutestamentlichen Schriften 242

ZWEITER TEIL 250

Wichtige und notwendige Korrektur im Neuen Testament - entscheidende Übersetzungsbeispiele aus der kirchlichen Tradition 250

Einleitung 250

1. Die Befreiung der Evangelien von Ehe- und Partnerschaftsfeindlichkeit 254

Grobe Fehlerhaftigkeiten in traditionellen neutestamentlichen Bibelübersetzungen (Vulgata, Luther-Bibel, King-James- Version, Jerusalemer Bibel, Die Gute Nachricht, Einheitsübersetzung) und ihre Richtigstellung 254

Jesus will nicht, dass jemand seine Ehefrau um des Gottesreiches willen „verlässt" (Lk 18,29) 254

Jesus will nicht, dass seine Jünger ihre Frauen, Kinder oder das eigene Leben „gering achten" (hassen, aufgeben)
(Lk 14,26). 259

Jesus will nicht, dass jemand sein Leben für seine Freunde hingibt (Joh 15,13). 262

2. Die Befreiung der Evangelien von Sexual- und Leibfeindlichkeit 265

Fehler in den traditionellen Übersetzungen und ihre Richtigstellung 265

Jesus spricht unmissverständlich über den „Ehebruch im Herzen" (Mt 5,28) 265

Jesus will nicht, dass sich jemand Gliedmaßen (Auge, Hand) „ausreißt“ weil sie ihn „zum Bösen verführt" haben
(Mt 5,29-30). 273

Jesus wünscht sich nicht, dass jemandem wegen Verführung „ein Mühlstein um den Hals gelegt und er ins Meer gestürzt wird“ (Mk 9,42). 279

Jesus will nicht, dass man sich wegen einer bösen Tat selbst verstümmelt (Mk 9,43. 45. 47f) 282

3. Die Befreiung der Evangelien von Frauenfeindlichkeit 285

Fehler in den traditionellen Übersetzungen und ihre Richtigstellung 285

Jesus, der Auferstandene, spricht nicht abweisend und überheblich zu Maria von Magdala (Joh 20,17). 285

Jesus rügt Martha nicht dafür, dass sie ihn mit Speis und Trank bewirtet (Lk 10,40a). 288

Jesus tadelt seine Mutter nicht auf der Hochzeit in Kana (Joh 2,4). 290

4. Die Befreiung der Evangelien von Äußerungen der Unterdrückung, Bevormundung und des „geistigen Sklaventums" 294

Fehler in den traditionellen Übersetzungen und ihre Richtigstellung 294

Jesus will nicht, dass seine Jünger „sich selbst verleugnen" und ihr „Kreuz auf sich nehmen" (Mk 8,34-35). 295


Jesus kündigt niemandem an, dass er „sein Leben verliert", wenn er es liebt (Joh 12,25). 298

Jesus wünscht sich von niemandem, dass er „der Letzte von allen" und der „Diener aller" sein soll (Mk 9,35b). 301

Jesus verkündet nicht ein Reich Gottes, das „mitten unter euch“ (Menschen) ist (Lk 17,21b). 303

Jesus verkündet keinen widersprüchlichen Gott, der einerseits für „alle" Bedürfnisse sorgt und andererseits den Menschen seiner täglichen „Plage" überläßt (Mt 6,34b). 306

5. Die Befreiung der Evangelien von autoritären, hierarchie- und herrschsüchtigen Denkstrukturen 310

Fehler in den traditionellen Übersetzungen und ihre Richtigstellung 310

Jesus kommt nicht, um statt „Frieden" das „Schwert" und familiäre Entzweiung „auf die Erde" zu bringen
(Mt 10,34-36). 310

Jesus kommt nicht, um „Feuer auf die Erde zu werfen" (Lk 12,49). 319

Jesus treibt nicht die Händler von Schafen und Rindern mit einer Geißel aus dem Tempel (Joh 2,15). 321

Jesus gibt seinen Jüngern nicht den Auftrag, „Sünden zu vergeben" oder „die Vergebung zu verweigern" (Joh 20,22b.23). 324

Jesus rät niemandem, „sich Freunde mit ungerechtem Mammon (Schwarzgeld)“ zu machen, um in die ewigen Wohnungen aufgenommen zu werden (Lk 16,9). 326

6. Die Befreiung der Evangelien von Reichtumsverachtung 330

Fehler in den traditionellen Übersetzungen und ihre Richtigstellung 330

Jesus fordert niemanden auf „alles, was er hat, zu verkaufen und es den Armen" zu geben (Mk 10,21). 331

Jesus lehrt nicht, dass der „Reichtum" etwas „Trügerisches" sei (Mk 4,19). 333

Jesus verlangt von keinem Menschen, als sein Jünger „auf den gesamten Besitz zu verzichten" (Lk 14,33). 337

7. Die Befreiung der Evangelien von der Furcht vor Gott 340

Fehler in den traditionellen Übersetzungen und ihre Richtigstellung 340

Jesus, der Sohn Gottes, hat keine Angst, auch nicht im Garten von Getsemani (Mt 26,37). 340

Jesus ängstigt niemanden damit, dass es für eine „Lästerung" gegen den Heiligen Geist „in Ewigkeit keine Vergebung" gebe (Mk 3,29). 343

Jesus hält keine Rede über das „Ende der Welt" (Mk 13,7.10.13). 346

Jesus lehrt niemanden, dass Gott „in Versuchung"führt (Lk 11,4c // Mt 6,13a). 351

Das Jesus Gebet (Lk 11,2b-4) 354

8. Die neue und korrigierte Übersetzung der Worte Jesu Christi - eine „Auferstehung" der urchristlichen Botschaft 355

Nachwort 358

Bibliographie 361

Quellen 361

Lexika, Handbücher, Grammatiken 363

Verfasser- und Vielverfasserschriften 363

Abkürzungsverzeichnis 366

Die Bibel: 366

Allgemeines 367

Medienecho und Reaktionen aus der Fachwelt nach der ersten Auflage (seit 1996) 368

 

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Vorwort - zur Zweiten Auflage

Vorwort - zur Zweiten Auflage

Ich freue mich Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, diese neue zweite Auflage mit dem bekannten Titel und dem neuen Untertitel, „Das kastrierte Evangelium. Die falschen Übersetzungen und die Wiederentdeckung der Frohbotschaft Jesu“, präsentieren zu können. (Die erste Auflage vom meinem Buch „Das kastrierte Evangelium“ wurde 1996 veröffentlicht.)
In dieser Ausgabe wurden nicht nur einige Kapitel aktualisiert und überarbeitet; es wurden brisante Ergänzungen eingefügt, die meine These noch erhärten sollen, dass in der Bibel die vier Evangelien an entscheidenden Textstellen in ihren Übersetzungen ab dem 3./4. Jhdt n.Ch. einseitig tendenziös und falsch übertragen wurden. Dadurch wurden die ursprünglichen Aussagen und Intentionen dieser Stellen verfälscht und das Frohmachende entfernt („kastriert").
Dabei geht es vor allem um „Worte Jesu“, die in den herkömmlichen Bibelübersetzungen den ursprünglichen Wortsinn offensichtlich nicht treffen. So sind diese Texte nicht oder nur sehr schwer verstehbar, was jedoch im Urtext bei richtiger Übersetzung klar und verständlich ist. Das betrifft auch das Verständnis für das Anliegen der Worte Jesu. Denn die ersten Christen begriffen die „Worte Jesu“, andernfalls hätten sie diese Texte nicht in ihren Gemeinden gesammelt und von Generation zu Generation weitergegeben.
Heute sind wohl viele dieser entstellten Texte nur sehr schwer vermittelbar geworden. Und dennoch versucht man sie in Predigt und Religionsunterricht zu erklären. Aber gelingt es dort immer die Worte Jesu (in den herkömmlichen Übersetzungen) wirklich verständlich zu machen?
Die hier im Buch gebrachten Übersetzungsbeispiele wollen jedoch genau das: zu einem besseren Verständnis der Worte Jesu durch eine korrigierte Übersetzung einen Betrag leisten.
Zu den Neuheiten dieser Buchauflage gehören die Ergänzungen im Kapitel „Hieronymus und seine Übersetzungsfehler", die hier besonders erwähnt werden sollen. Diese Ergänzungen sind Auszüge aus den Briefen von Hieronymus, die uns noch genauer sein Denken und seine geistige Ausrichtung vor Augen führen. Deutlich zeigen sie uns heute, warum Hieronymus die Bibel und besonders die vier Evangelien ehefeindlich, sexualfeindlich, frauenfeindlich, freiheitsverachtend, machtgierig und autoritätshörig, reichtumsverachtend und gott(es)-fürchtend
(ein widersprüchliches Gottesbild: die Liebe Gottes und zugleich die Angst vor Ihm) übersetzt hat.
Wir erhalten durch diese Briefauszüge erstaunliches Informationsmaterial, das wie gesagt Einblicke in sein Denken gibt und andererseits auch dabei hilft, seine Evangelienübersetzungen kritisch zu bewerten und zu analysieren.
Wenn es uns gelingt unsere herkömmlichen Übersetzungen (Einheitsübersetzung, Luther-Bibel, u.a.) von dieser einseitig subjektiven Interpretation Hieronymus‘ zu befreien, so wächst die Chance, dem Urtext der Evangelien mit seinen ursprünglichen Aussagen näher zu kommen und damit die Worte Jesu von ihrer verzerrten Verfremdung loszulösen.
Warum wurden diese Hieronymus-Briefe nicht schon in der ersten Buch-Auflage dokumentiert?
Die Antwort ist leicht gegeben. Nach der Erstveröffentlichung 1996 bereitete ich mich auf eine Vortragsreihe in der Stadt Salzburg über das Leben und Wirken von Hieronymus vor.
Dabei entdeckte ich in der Bibliothek der katholisch theologischen Fakultät der Universität Salzburg eine Anzahl an Hieronymus-Briefen.
Es überraschte mich auch die Tatsache, dass Hieronymus genau einige jener Evangelientexte in seinen Briefen kommentiert, die auch ich im zweiten Buchteil behandle. So können wir bei manchen seiner Texte den direkten Vergleich anstellen, hier auf der einen Seite die Hieronymus-Briefe und die verschiedenen herkömmlichen heutigen Bibel-Übersetzungen, die die gleiche Denkungsart sehr deutlich erkennen lassen; und andererseits sehen wir, wie die neuübersetzten Worte Jesu ein völlig anderes Bild von ihm zeigen.
Besonders interessant ist auch jener Brief, in dem er seinen Auftraggeber, Papst Damasus I., über seine Arbeit und Schwierigkeiten an der lateinischen Bibelübersetzung informiert.
Dort klagt Hieronymus über seine Rolle als „Richter" entscheiden zu müssen, welche die richtigen bzw. falschen lateinischen Übersetzungstexte seien. Er berichtet dem Papst, dass ihm verschiedene lateinische Übersetzungen vorliegen, die sich an vielen Stellen schärfstens widersprechen.
Sein moralisches Dilemma beschreibt er so, dass ihn Ängste plagen, von vielen als „Bibelfälscher" und sogar als „Gotteslästerer" beschimpft zu werden, wenn sie seine Übersetzung lesen. Hilfe suchend wendet er sich an den Papst, dass er ihn durch seine Autorität vor solchen eventuellen Angriffen schützen möge.
In der Folge haben die christlichen Kirchen 1600 Jahre ungeprüft darauf vertraut, dass Hieronymus die altgriechischen Evangelientexte in seiner päpstlich autorisierten Bibel lateinisch richtig übersetzt hat.
Auf die Frage, warum die Kirchen mit ihren Fachleuten diese Fehler an jenen Stellen in der herkömmlichen Bibelübersetzung nicht entdeckt haben, gehe ich im ersten großen Buchteil ein.
Die Textbeispiele mit den Übersetzungsfehlern, sowie ihre Korrektur durch mich, zeige ich im zweiten Buchteil, wobei das nur ein kleiner Ausschnitt angesichts der großen Menge an fehlerhaften Texten ist, die sich immer noch weiterhin in den Evangelien bzw. in der herkömmlichen Bibel befinden. Ich würde Ihnen, liebe Leser, für diesen Buchteil als Lesetipp raten, eine eigene Bibel aus ihrem Buchregal zu holen, und dort sich zum besprochenen Vers den betreffenden Textabschnitt durchzulesen. Das kann für Sie eine Hilfe sein, den Unterschied zwischen dem „herkömmlichen Jesus" und dem Jesus meiner neuen Übersetzung zu entdecken.
Ich möchte mich hier an dieser Stelle bei all den vielen Leserinnen und Lesern bedanken, die mir geschrieben, mich angerufen, ja sogar persönlich besucht haben.
Auch der Fachwelt sei mein Dank ausgesprochen, allen voran in memoriam Dr. Albert van Gansewinkel, Professor für Dogmatik, Psychologie, Ethik, und Pastoraltheologie sowie Dr. Herbert Haag, Professor für Bibelwissenschaften. Es freut mich, dass ich Gott sei Dank, Herrn Dr. van Gansewinkel noch persönlich kennenlernen durfte.
Mein Dank sei hier auch Dr. Roman Heiligenthal, Professor für Neutestamentliche Bibelwissenschaft und derzeitiger Dekan der Universität Landau/Pfalz ausgesprochen, der mein Buch gelesen hat und meint, „dass sich die Diskussion über sein Anliegen lohnt."
Allen Bibelinteressierten werde ich auch in meinen zukünftigen Veröffentlichungen weitere Informationen über meine Forschung und die neue Übersetzung der Worte und Taten Jesu in den Evangelien geben.
Vielleicht fragen sich einige meiner Leserinnen und Leser, wie ich als katholischer Theologe mein Verhältnis zur römisch-katholischen Kirche sehe, wenn ich ihr ein theologisches Werk mit diesem Titel („Das kastrierte Evangelium“ Veröffentlichung 1996) zumute?
Als christlich-ökumenischer Theologe stelle ich meine Arbeit in den Dienst aller christlichen Kirchen und so fühle ich mich auch nicht allein mit der katholischen Kirche verbunden.
Da ich in der geistigen Bewegung des Zweiten Vatikanischen Konzils aufgewachsen bin, ist für mich folgender Leitsatz dieser bedeutungsvollen Kirchenversammlung wichtig: „Ecclesia semper reformanda." (Die Kirche bedarf immer einer Reform.)
Dieses Konzil hat sich klar zur Meinungsfreiheit und Freiheit der wissenschaftlichen Forschung bekannt (vgl. Pastoral-Konstitution „Gaudium et Spes ", 1965, Nr. 59). In diesem Sinn sehe ich auch meine Übersetzungsarbeit und Forschungstätigkeit an der Bibel.
Das Konzil hat auch in ihrer Dogmatischen Konstitution „Dei Verbum" („Über die göttliche Offenbarung", 1965) die Theologie und Bibelwissenschaft beauftragt, beide großen Teile der Bibel (Hebräische und Christliche Bibel/Altes und Neues Testament) sinngetreu und „aus dem Urtext" neu zu übersetzen (vgl. Dei Verbum, Nr. 12 und Nr. 22 ).
Dieser Aufforderung der Konzilsväter (Beschluss mit 2344 Ja - gegen 6 Nein - Stimmen) wurde, wie ich meine, sehr mangelhaft entsprochen, weil die alten Fehler der Hieronymus-Übersetzung (Vulgata) beibehalten wurden.
Mein Anliegen ist, dass diese meine Forschungsergebnisse offengelegt werden, damit meine These der falschen Evangelien-Übersetzung, wo möglich in fachlich-theologischen Diskussionen weitergeführt werden.
Damit möchte ich eine Bibelreform anregen, bei der sich viele auf den Weg und die Suche nach der richtigen und authentischen „Frohbotschaft Jesu Christi" (griech. euangelion Iesou Christou) machen. Der Buchtitel will nicht den Eindruck erwecken, dass ich bereits die einzig richtige Übersetzung gefunden habe, sondern dass ich auch einen Impuls für andere Bibelübersetzer geben möchte, durch eine bessere Übersetzungsarbeit den wirklichen Jesus in der Bibel zu finden.
So steht selbstverständlich diese These und neue Übersetzung in einem engen Zusammenhang mit einer notwendigen Neu-Interpretation von Jesus, Seiner Worte und Taten, Seiner gesamten Botschaft und Verkündigung durch die Theologische Wissenschaft und die christlichen Kirchen. Damit will ich auch gezielt mit der Veröffentlichung meiner Forschungsergebnisse zur Diskussion über ein neues verändertes Jesus- und so auch eindeutigeres postives Gottes-Bild anregen.
Ich stelle die herkömmlichen Übersetzungen kritisch in Frage, um mit einem verständlicheren biblischen Jesus den Blick für einen neuen Weg und eine neue Perspektive des Christentums zu eröffnen. Denn aus dieser Erkenntnis heraus kennen wir alle die wirkliche Botschaft Jesu und das Christentum der Urkirche noch viel zu wenig, wenn überhaupt. Es sind diese neuen Erkenntnisse meiner Forschung notwendig, um einen überzeugenden Weg für das Christsein heute aufzuzeigen. So soll sich jeder an diesem Jesus orientieren können. Im jetzigen Dritten Jahrtausend wäre das wohl die große Aufgabe aller Christen, christlichen Kirchen und Gemeinschaften, denen „Jesus von Nazareth“ von Bedeutung ist und welchem seine ersten „Freunde“ vor 2000 Jahren den „Christus“-Titel gegeben haben.
Auch frage ich mich, ob sich wohl die breite theologisch-christliche Forschung und Wissenschaft dieser Herausforderung und Aufgabe stellen wird. Wird sie versuchen, das Wesen des Christentums aus dieser neuen Blickrichtung neu zu definieren? Wird sie diese neue Übersetzung theologisch hermeneutisch aufarbeiten und für das christliche Alltagsleben und Praxis fruchtbar machen?
Werden bald neue Wege in der Theologie (Bibelwissenschaft, Systematik, Theologische Ethik, Pastoraltheologie, Religions-pädagogik, Kirchenrecht ...) beschritten werden? Sollte das geschehen, werden hoffentlich die positiven Auswirkungen der Bibelreform auch die Leitungsgremien der Kirchen erreichen und von ihnen heute notwendige Veränderungen sichtbar gemacht werden: neue Kirchenstrukturen, neue Formen der Ordination und Ämterbestellung (Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frau und Mann, von Verheirateten und Unverheirateten), Neubewertung der Fragen der Ämtersukzession, Sexual- und Morallehre, …). Ich sehe hier vor allem die römisch-katholische Kirche vor großen Reformen stehen.
Im Jahr 2010 wurde in der römisch katholischen Kirche weltweit durch die mediale Veröffentlichung der vielen Gewalt- und Missbrauchsfälle an Kindern und Jugendlichen durch Priester und Ordensleute eine sehr schwere Krise ausgelöst. Die römische Kirche leidet an ihrer „Krankheit" (Hans Küng) seit Jahrhun-derten, was sich wieder einmal deutlich gezeigt hat. Ohne rasche und ehrlich durchgeführte Reformen wird sie wohl nicht zu retten sein, so beschreibt es Prof. Hans Küng in seinem Buch „Ist die Kirche noch zu retten?" Mein Beitrag an diesem weitangelegten Reformprozess der Kirche ist der Aufruf zu einer solchen Bibelreform durch eine genaue Übersetzungs-Analyse und notwendigen Korrektur. Dass nur eine korrekte Übersetzung der Worte Jesu in den Evangelien ein klares Jesus-Bild deutlich machen kann, habe ich bereits ausgeführt. Nur ein Jesus in neuer Übersetzung kann Orientierung und Richtung für die Kirche der Zukunft geben, um ihr Bestehen noch weiterhin sicherzustellen. Aber es betrifft auch alle anderen christlichen Geschwister-Kirchen die neue und zugleich alte Lehre der Urkirche für die heutige Zeit und ihre Menschen wieder deutlicher zum Vorschein kommen zu lassen, die in vielen Jahrhunderten durch künstliche, menschlich geschaffene und gefälschte Traditionen (Zölibats-gesetze, absolutistisches unfehlbares Papsttum, u.v.m.) zuge-schüttet und vergraben worden ist.
Aber auch allgemein kann allen Leserinnen und Lesern, die an der Bibel interessiert sind, wohl nur Jesus in einem korrekt übersetzten Evangelientext für den Alltag hilfreich sein, wo Seine Weisheiten deutlich erkennbar sind.
Der Buchtitel, „Das kastrierte Evangelium“, wurde von mir schon in der ersten Auflage 1996 gewählt, weil ich damit die enge Verbindung zwischen den mönchisch und ehelos lebenden priesterlichen Übersetzern (Hieronymus, u.a.) und ihren Einfluss auf die kirchlichen Übersetzungen der Evangelien des Neuen Testaments (oder Zweites Testament) zeigen wollte. Leider haben Übersetzer eben an vielen Textstellen das „Frohmachende“ an der Botschaft Jesu durch ihre Arbeit entfernt. Und wie schon gesagt, hat dann in der Folge bis heute das von ihnen tendenziös geprägte Jesus-Bild alle Predigten, den Bibelunterricht, ja das ganze kirchliche Leben und Handeln der Kirchenleitung (Päpste, Bischöfe) und aller Christen Jahrhunderte lang geprägt.
Mit diesem Titel soll auch verdeutlicht werden, dass alle heutigen herkömmlichen Bibelübersetzungen der christlichen Kirchen eine Überprüfung und einen „Befreiungsakt“ von allen Übersetzungsfehlern benötigen, die bisher mit der Argumentation und Berufung auf künstlich geschaffene Traditionen gestützt wurden.So heißt es noch immer: „Das haben doch seit Jahrhunderten Fachleute geprüft. Daher muss unsere kirchliche Übersetzung auch nur so und nicht anders lauten!“
Vor vielen Jahren, wo ich die ersten Übersetzungsfehler in den Evangelien gefunden habe, war ich katholischer Religionslehrer im Land Salzburg und hatte nicht die Absicht, die Bibel völlig neu zu übersetzen, um damit vielleicht Erzbischof oder Papst zu provozieren. Dabei entdeckte ich Ungereimtheiten an bestimmten Textstellen und auch die Möglichkeit diese Texte anders bzw. verständlicher zu übersetzen. Und ich wollte schlichtweg für die Schülerinnen und Schüler einen guten Unterricht halten, bei dem ich ihnen den Jesus der Bibel zeigen kann, der alle Menschen liebt und sie seine Freunde nennt. Was mir aber besonders wichtig dabei war, dass Jesus allen Menschen mit seinen Worten Mut macht und jeden, in welcher schweren Lebenssituation er sich auch befinden mag, innerlich stärkt und aufrichtet. Jesus in meiner Übersetzung möchte jedem Menschen Vertrauen in eine gute persönliche Zukunft und Entwicklung schenken.

Ich wollte immer aufzeigen, dass Jesus keinen Unterschied zwischen Mann und Frau macht und keinen auf Grund seines Geschlechts über den anderen stellt, oder eine Lebensweise (z.B. die Ehelosigkeit) als wertvoller oder wichtiger ansieht. Diesen Jesus habe ich im Unterricht versucht, den Schülern nahe zu bringen. In meiner katholischen Bibel habe ich ihn aber an vielen Textstellen nicht finden können. So habe ich mir den griechischen Text der Evangelien geholt und die Texte untersucht. Dort habe ich entdeckt, dass jene Texte gar nicht so übersetzt werden müssen, bzw. dass in altgriechischer Sprache etwas ganz anderes steht. So hat meine Forschungsarbeit begonnen.
Ich entdeckte bei mir die große Neugier und den Forschertrieb endlich den wirklichen Jesus der ersten Christen in den alten Texten kennenzulernen. Und ich fand immer wieder Neues.
So fand ich heraus, dass ich mich mit diesem neuen Jesus wirklich als Christ identifizieren kann, weil Seine Worte für mich zu einer Hilfe und Orientierung wurden. Das bestärkte auch mein Gefühl der Identität, Selbst-Wertschätzung und Persönlichkeit. Es machte mich sicherer in meinen Lebensentscheidungen und führte dazu, dass ich mehr Freude, Dankbarkeit und Sinnhaftigkeit in meinem Leben entdecken konnte. Es erwachte in mir aber auch der Gedanke, dass ich diese Entdeckung und die Freude nicht allein für mich behalten sollte, sondern sie an alle Suchenden, Bibelleser, Interessierten weitergeben sollte, die durch Textstellen und Jesu-Worte verwirrt werden und zu keiner klaren Antwort finden. Ich sollte also Bücher schreiben, Vorträge halten,…
Nun wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, viel Freude beim Entdecken von diesem „neuen" Jesus und Seinem Evangelium. Schön wäre auch, wenn mit der zweiten Auflage meines Buches positive und konstruktive Diskussionen über die Bibel und die Notwendigkeit einer korrigierten Übersetzung ausgelöst würden.
Ich habe mich stets redlich darum bemüht, in meiner Übersetzungstätigkeit eine frohmachende Botschaft im Sinn der Urkirche zu erarbeiten, die klar verständlich ist und lebensbejahende Anregungen für den Alltag gibt. Sehen und prüfen Sie selbst, ob es mir gelungen ist. Mein Ziel war und ist es stets, die guten geistig-spirituellen Impulse des „Evangelium Jesu Christi" wiederzugeben und von den Verfälschungen zu befreien. Und so hoffe ich, dass damit nun die lebensfördernden Einsichten in der Botschaft Jesu nicht mehr „weggeschnitten“ („kastriert") sind, sondern dass sie zum Vorschein treten können.

Köstendorf, Juli 2014
Johannes Dietl-Zeiner



Dietl-Zeiner, Johannes: Das kastrierte Evangelium.
Die falschen Übersetzungen und die Wiederentdeckung
der Frohbotschaft Jesu.
Eine neue Sichtweise der Lehre der Urkirche.

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Alle Rechte vorbehalten

Zweite, aktualisierte und erweiterte Auflage
Köstendorf 2014

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update: 5-8-2014